Dolmetschen beim europäischen Betriebsrat: Was bei EBR-Sitzungen anders ist?

Im Saal sitzt jemand aus Warschau, jemand aus Bukarest, jemand aus Lyon und jemand aus München. Sie arbeiten alle für dasselbe Unternehmen, sitzen aber in unterschiedlichen Rechtssystemen, haben unterschiedliche Probleme in ihren Niederlassungen, und sie bringen unterschiedliche Erwartungen an diesen Tisch.
Eine EBR-Sitzung ist ein Meeting der etwas anderen Art und ein Versuch, aus all dem einen gemeinsamen Nenner zu machen, und zwar mit einer langen Agenda und oft mit sieben, acht Sprachen gleichzeitig im Raum.Wer die Dolmetschung für solche Sitzungen plant, übernimmt mehr Verantwortung, als es auf den ersten Blick scheint.
Das Schweigen, das keines ist
Einer der Punkte, der mir bei EBR-Sitzungen immer wieder auffällt, hat damit zu tun, wer sich zu Wort meldet und wer nicht.
Rumänische Delegierte etwa gelten manchmal als still. In Diskussionen hören sie zu, nicken und sagen bekanntlich wenig. Das wird dann gelegentlich als Persönlichkeitsmerkmal oder Zurückhaltung, im schlimmsten Fall sogar als Desinteresse gedeutet. Meistens liegt es an etwas anderem: Sie haben kein Dolmetschangebot bekommen, weil jemand in der Planung entschieden hat, dass Rumänen ja Englisch verstehen.
Das stimmt oft sogar. Gelesenes Englisch und gesprochenes Englisch in einer hitzigen Debatte sind aber zwei verschiedene Dinge. Und Englisch sprechen vor zwanzig Delegierten aus ganz Europa, wenn man nicht sicher ist, ob die Formulierung stimmt, traut man sich dann lieber nicht, also schweigt man. Und weil man schweigt, bringt man auch nicht ein, was man weiß, was man beobachtet hat, was in der eigenen Niederlassung gerade brennt.
Dieses Teilhabeproblem löst sich, sobald jemand einen Kopfhörer auf den Tisch legt.
Warum hitzige Debatten besondere Disziplin brauchen
Simultandolmetschen funktioniert mit einem kleinen, aber unausweichlichen Zeitversatz. Während der Redner spricht, läuft die Dolmetschung parallel — aber sie braucht ein paar Sekunden, um zu folgen, Sätze zu Ende zu führen, Bedeutung zu übertragen. In ruhigen Passagen fällt das kaum auf.
In einer aufgeheizten Diskussion wird dieser Versatz zur echten Hürde. Wer auf Dolmetschung angewiesen ist, bekommt das Gesagte immer mit leichter Verzögerung. Bis die Reaktion kommt, hat das Gespräch oft schon die Richtung gewechselt. Delegierte unterbrechen einander, sprechen durcheinander, und die Dolmetschung verliert den Faden.
Eine gut moderierte EBR-Sitzung rechnet damit. Sie gibt jedem die Möglichkeit, zu Ende zu sprechen, bevor der nächste anfängt — nicht als Formalie, sondern weil das Gespräch sonst schlicht nicht funktioniert.
Der Fehler mit den wechselnden Dolmetschern
Viele Unternehmen organisieren ihre EBR-Sitzungen als „wandernde“ Veranstaltungen: jedes Jahr eine andere Stadt, oft verbunden mit einem Besuch in einer lokalen Niederlassung, einem Abendessen, einem kleinen Rahmenprogramm. Das ist für die Delegierten wertvoll, weil EBR-Sitzungen nicht nur dem fachlichen Austausch dienen, sondern auch dazu, aus Kollegen aus zehn Ländern so etwas wie ein Team zu machen.
Was dabei manchmal als naheliegend gilt und es nicht ist: für jede Sitzung lokale Dolmetscher zu beauftragen. Man ist gerade in Budapest, also nimmt man Dolmetscher aus Budapest. Nächstes Jahr ist man in Lissabon, also kommen Dolmetscher aus Lissabon. Das wirkt pragmatisch und spart Reisekosten.
In der Praxis bedeutet es, dass das Dolmetscherteam jedes Mal von vorne anfängt. Jedes Unternehmen hat seine eigenen Abkürzungen, seine eigene interne Sprache, seine eigenen Themen, die seit Jahren auf der Agenda stehen. Ein Dolmetscher, der zum ersten Mal in diese Sitzung kommt, weiß nicht, was mit „die Situation in Cluj“ gemeint ist, nicht, welche Abkürzung für welche Abteilung steht, nicht, welche Spannungen zwischen bestimmten Delegierten in den letzten Jahren aufgebaut wurden. All das muss erst erarbeitet werden, und das kostet Zeit und Energie, die dann bei der eigentlichen Arbeit fehlen.
Ein eingespieltes Team, das die Sitzung kennt, die Delegierten kennt und das Unternehmen kennt, dolmetscht schneller, präziser und mit weniger Rückfragen. Für die Delegierten merkt man das sofort.
Was die Planung braucht
Die Agenda kommt meistens rechtzeitig. Was seltener kommt, sind die Präsentationen, die Hintergrundpapiere, die Berichte, die auf der Sitzung vorgestellt werden sollen. Dabei ist genau das das Material, mit dem ein Dolmetscher arbeitet: nicht die Tagesordnung, sondern der Inhalt dahinter.
Alles, was vorbereitet wurde, sollte im Voraus übermittelt werden. Wenn Dokumente sensibel sind, was bei EBR-Sitzungen oft der Fall ist, lässt sich das über eine Vertraulichkeitsvereinbarung regeln. Dolmetscher unterzeichnen solche Vereinbarungen routinemäßig, und Vertraulichkeit gehört ohnehin zu den Grundlagen des Berufs. Die Unterlagen werden ausschließlich zur Vorbereitung genutzt und danach vernichtet.
Was die Sprachen betrifft: Bei EBR-Sitzungen sind drei, vier Sprachen die Untergrenze. Sieben oder acht sind keine Ausnahme. In solchen Konstellationen arbeitet man oft mit Relay: Ein Dolmetscher übersetzt ins Englische oder Französische als Brückensprache, ein anderer greift das auf und übersetzt weiter. Das funktioniert gut, wenn das Team aufeinander abgestimmt ist, und weniger gut, wenn Dolmetscher sich zum ersten Mal begegnen.
Was das für die Planung einer EBR-Sitzung bedeutet
Wer eine EBR-Sitzung organisiert, sollte die Dolmetschung nicht als letzten Punkt auf der To-do-Liste behandeln. Das Dolmetscherteam früh einzubinden, dasselbe Team über mehrere Sitzungen zu behalten und Unterlagen rechtzeitig zu übermitteln, sind keine Fragen des Komforts. Sie entscheiden darüber, ob die Delegierten aus Bukarest, Warschau oder Lissabon wirklich teilnehmen können oder leider nur dabei sitzen.

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