Was Ihr Dolmetscher vor dem Einsatz wissen muss

Wer zum ersten Mal einen Konferenzdolmetscher beauftragt, unterschätzt meistens eines: wie viel Vorbereitung in diesem Beruf steckt. Von außen sieht es so aus, als würde jemand einfach zuhören und gleichzeitig sprechen. Was dabei im Hintergrund passiert, bleibt unsichtbar, und das ist auch gut so, denn gute Dolmetscharbeit sollte sich mühelos anfühlen. Damit das gelingen kann, brauche ich allerdings Ihre Hilfe.
Was ich zuerst wissen muss
Wenn Sie mich anfragen, teilen Sie mir bitte so früh wie möglich mit, worum es inhaltlich geht, und zwar genauer als „Medizin“ oder „Wirtschaft“. Diese Oberbegriffe umfassen sehr unterschiedliche Welten. Ein Weiterbildungsseminar für Allgemeinmediziner und ein Fachsymposium zur onkologischen Forschung sind beide medizinisch, aber sprachlich kaum miteinander vergleichbar. Genauso verhält es sich mit einem Jahresabschluss-Meeting zwischen langjährigen Geschäftspartnern und einer Erstverhandlung mit einem Unternehmen aus einem anderen Rechtssystem.
Dolmetscher spezialisieren sich, weil Fachsprache Zeit braucht. Ich habe meine Schwerpunkte, und ich sage Ihnen ehrlich, wenn ein Thema außerhalb davon liegt. Das ist kein Problem, sondern Teil einer guten Zusammenarbeit, und allemal besser, als wenn ich das erst im Einsatz merke. Hilfreich wäre von Anfang an: das genaue Thema, die Zielgruppe (Fachpublikum oder gemischt?), der Kreis der Redner und wenn möglich ein erster Blick auf das Programm.
Unterlagen: je mehr, desto besser
Dolmetschen ist zu einem großen Teil Vorbereitung. Das Simultandolmetschen, bei dem ich Ihnen in Echtzeit zuhöre und gleichzeitig in einer anderen Sprache spreche, verlangt dem Arbeitsgedächtnis alles ab. Was diesen Prozess erleichtert, ist Vertrautheit: mit dem Thema, den Begriffen, der Argumentationsstruktur. Je mehr davon ich vorher kenne, desto weniger muss ich im Moment des Sprechens improvisieren.
Schicken Sie mir deshalb bitte alles, was Sie haben, Präsentationen auch wenn sie noch nicht fertig sind, Hintergrundpapiere, einschlägige Websites oder relevante Gesetzestexte. Wenn Ihre Organisation ein Glossar in mehreren Sprachen führt, ist das besonders wertvoll. Falls nicht, kann ich gerne beim Aufbau helfen, denn einheitliche Terminologie über den ganzen Veranstaltungstag hinweg ist auch für Ihr Publikum ein Gewinn.
Manchmal höre ich: „Es wird nicht so fachspezifisch sein, das kriegen Sie schon hin.“ Ich glaube das gerne, und trotzdem: Schicken Sie mir lieber zu viel als zu wenig. Was ich nicht brauche, sortiere ich selbst aus.
Änderungen: je früher, desto besser
Konferenzen entwickeln sich bis zum letzten Moment. Ein Redner sagt ab, ein Thema kommt hinzu, die Reihenfolge verschiebt sich. Das ist normal und kein Vorwurf. Entscheidend ist nur, dass ich es rechtzeitig erfahre.
Eine Änderung, die mich am Abend vorher erreicht, kann ich noch verarbeiten. Was mich zehn Minuten vor dem Einsatz überrascht, kann ich nicht mehr vorbereiten, und die Qualität leidet dann nicht aus Unvermögen, sondern aus schlichtem Zeitmangel. Deshalb bitte ich Sie: Sobald Sie wissen, dass sich etwas ändert, geben Sie es weiter. Eine kurze Nachricht reicht.
Einiges, das oft nicht besprochen wird
Für Einsätze von mehr als etwa 60 Minuten ist es Standard, mit zwei Dolmetschern zu arbeiten, die sich abwechseln. Beim Simultandolmetschen ist die kognitive Belastung hoch, und nach einer gewissen Zeit lässt die Konzentration nach, unabhängig von Erfahrung oder Vorbereitung. Falls Ihnen ein Angebot mit einem einzigen Dolmetscher für einen ganzen Veranstaltungstag vorliegt, lohnt es sich, noch einmal nachzufragen.
Auch die technischen Bedingungen spielen eine Rolle. Eine Kabine, die zu warm ist, ein Ton, der rauscht, ein Monitor, auf dem ich die Folien nicht sehen kann: Das sind keine Komfortfragen, sondern Arbeitsbedingungen, die die Qualität direkt beeinflussen. Es lohnt sich, die Technik vor dem Einsatz von jemandem prüfen zu lassen, der weiß, worauf zu achten ist.
Und noch etwas, das manchmal für Irritationen sorgt: Ich dolmetsche, was gesagt wird, getreu und vollständig, ohne eigene Einschätzungen hinzuzufügen oder wegzulassen. Wenn Sie möchten, dass ich inhaltlich beratend tätig bin oder Formulierungen mitgestalte, sprechen wir das lieber vorher offen an.
Wie gute Zusammenarbeit entsteht
Die Aufträge, die ich als besonders gelungen in Erinnerung habe, hatten alle eines gemeinsam: Die Kunden haben mich wie jemanden behandelt, der informiert werden muss, nicht wie jemanden, der das schon irgendwie hinbekommt. Sie haben Unterlagen geschickt, ohne dass ich darum bitten musste, und bei Änderungen sofort an mich gedacht. Manchmal sind sie kurz vor Beginn an die Kabine gekommen, um zu sagen, was den Vortragenden heute besonders wichtig ist.
Das klingt nach wenig, macht aber einen spürbaren Unterschied. Was im Einsatz passiert, das ist mein Teil. Die Vorbereitung davor ist unserer beider.

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